Heraldik vor der Heraldik

Heraldik vom Ursprung bis zur Neuzeit.

Wenn man die Begriffe GENEALOGIE (Ahnenforschung) und HERALDIK (Wappenkunde) hört, dann denkt man sofort an mühsame Forschungsarbeit, an Archive, Standesämter, Friedhöfe, an Stammbäume, Sterberegister, Katasterauszüge, Ehe-und Geburtsurkunden usw. Wer sich etwas näher mit diesem interessanten Thema befasst und sich mit Familienforschung beschäftigt und heraldische Literatur liest, wird schnell feststellen, dass es bestimmte Fragen gibt, über die unter den einzelnen Experten Meinungsverschiedenheiten herrschen, die oft sehr kontrovers diskutiert werden. Eines der streitanfälligsten Themen ist die alte Frage:

„Seit wann sollte man von ‚Heraldik=Wappenwesen‘ sprechen?
Ist es eine eigenständige Kulturerscheinung des europäischen Mittelalters,
oder gab es so etwas schon vorher zu anderen Zeiten und in anderen Ländern?“

Einige Heraldiker bejahen diese Möglichkeit, andere bestreiten sie.

Als Kirchenhistoriker und Hobbyheraldiker interessierte mich dieses Thema natürlich sehr und so machte ich mich auch auf die Suche nach einer Antwort auf diese Frage.

Es wurde für mich zu einer interessanten Entdeckungsreise mit erstaunlichen Ergebnissen.

Begleiten Sie mich auf dieser Entdeckungsreise und lassen Sie sich überraschen



Heraldik ist sichtbar gewordene Genealogie

Wer sich mit Heraldik beschäftigt, bringt damit zum Ausdruck, dass ihn Familiengeschichte interessiert, denn Wappen sind immer personenbezogene Zeichen, die sowohl eine einzelne Person als auch eine ganze Familie in besonderer Weise kennzeichnet und sie so von jeder anderen Familie oder Person unterscheidbar macht. Das kann z.B. die eigene Familie sein, deren Ursprung und Entwicklung man ergründen möchte, oder man erforscht die Geschichte einer anderen Familie oder Person.

Heraldik und Genealogie bedingen und ergänzen sich gegenseitig, ja streng genommen kann man sogar sagen:
Heraldik ist sichtbar gewordene Genealogie.

Beide geben sie Antwort auf die Fragen:
Woher komme ich?
Wer waren meine Vorfahren?

Während Genealogie auch ohne Heraldik möglich ist – viele Personen und Familien haben z.B.eine reiche Familiengeschichte, aber kein Wappenzeichen – ist die Heraldik ohne Genealogie nicht denkbar, denn um ein ‚repräsentatives Identifizierungszeichen‘ – und nichts anderes ist ja ein ‚Wappen‘ – zu haben, muss ja erst einmal eine  Familiengeschichte vorhanden sein. Daraus folgt, dass die Genealogie schon lange vor der Heraldik existierte, ja eigentlich so alt ist wie die Menschheit selbst.



Die Suche nach dem Ursprung

Dass es den Menschen von Beginn ihrer Existenz an tatsächlich schon  immer wichtig war zu wissen wer sie waren und woher sie kamen, zeigt die interessante Tatsache, dass die ältesten Schriftzeugnisse der Menschheit genealogische und religiöse Aufzeichnungen waren .

Bei fast allen Völkern dieser Erde findet man  Berichte und Überlieferungen, die davon erzählen, wie die Völker entstanden  sind und dass  sie von einem bestimmten Helden oder Gott abstammten. Einige dieser Überlieferungen berichten auch darüber, dass das Volk eigentlich  aus anderen Gegenden der Welt stammte, aber  durch besondere Umstände  – die oftmals klimatischer oder politischer  Art  waren – seine  angestammte Heimat  verlassen  musste, um woanders neu anzufangen. Diese Völker  vergaßen aber  nie, wer  sie waren  und woher sie  kamen  und  diese  Informationen wurden entweder  in  sehr sorgfältiger  mündlicher  Überlieferung oder in Form von Aufzeichnungen an die Nachgeborenen weitergegeben.

Dieses  Wissen  wurde  sehr  sorgfältig bewahrt  und  um  es vor Verlust  zu  schützen auf vielfältige Weise für die Nachwelt festgehalten. Es wurde z.B. in Form von Knoten in (Quipu) Schnüre geknüpft, wie  bei  den  Inka, oder aber in Form von Schriftzeichen auf  Tontafeln, Tierhäute oder Papyrus geschrieben oder dauerhaft in Stein gemeißelt.

Gerade  durch diese genealogischen  Aufzeichnungen  aus  alter Zeit, ist es möglich, Personen und  Ereignisse   bestimmten  Zeitpunkten   zuzuordnen  und auf diese Weise Aufschluss über das Alter bestimmter Personen, Ereignisse oder Kulturen zu erlangen.

Ahnenforscher und  Heraldiker  können anhand solcher alten Aufzeichnungen  wertvolle  Informationen  erlangen, die  ihnen die Möglichkeit  geben,  Rückschlüsse auf die Abstammung und Herkunft einer Familie zu ziehen.
Eine weitere Quelle aus der die heutigen Ahnenforscher und Heraldiker Informationen über die Abstammung und Herkunft  der Familien gewinnen können, sind die Erbinformationen in der DNS, die mit modernen wissenschaftlichen Methoden analysiert und zugeordnet werden können.

Da die Genetik eine immer größere  Rolle in der wissenschaftlichen Forschung spielt, wurde ein extra Zweig eingerichtet, der sich besonders mit der genetischen Erforschung des Erbmaterials alter Völker beschäftigt: die Archäogenetik.

In dem vielbeachteten Buch von Elisabeth Hamel: ‚Das Werden der Völker‚ Forschungen aus Archäologie, Sprachwissenschaft und Genetik  schreibt die Autorin:
„Nichtrekombinierende DNS-Abschnitte, ob an der DNS der Mitochondrien, ob am X- oderY-Chromosom, sind das geeignete Material, das es uns ermöglicht, Abstammungslinien in die Vergangenheit zurückzuverfolgen…’„Je mehr Daten den Genetikern zur Verfügung stehen, um so mehr erfahren wir über unsere Vorfahren und ihre Wanderungen“.(S. 377ff)

So haben z.B.Genetiker anhand dieser  menschlichen Erbinformationen in der DNS festgestellt, daß es in der Menschheitsgeschichte einmal ein sogenanntes ‚Flaschenhalsereignis‘ gegeben haben muss. Das bedeutet, dass die Weltbevölkerung einmal sehr zahlreich  war,  plötzlich  waren  es  aber nur noch ganz wenige Menschen, dann breiteten sie sich wieder aus und bildeten die Weltbevölkerung heraus, die wir heute haben.

„Aus den genetischen Daten der heutigen Menschenrassen schließen  einige Wissenschaftler, dass es bereits schon einmal zu einem derartigen  Ereignis in der frühmenschlichen Geschichte gekommen ist. Die Überlebenden einer solchen Reduktion werden von den Wissenschaftlern schlicht als sogenannte Grundindividuen bezeichnet. Diese begründeten  dann  eine  neue  Population  an  Menschenrassen, so wie wir sie heute kennen. Für die Wissenschaftler, die sich mit der Evolution befassen, ist  diese Theorie ein  spannendes Thema. Aus der religiösen Sicht her gesehen, liegt der Gedanke dabei nahe, dass es sich bei dieser Grundpopulation um die Familie von Noah handelte.“(online Enzyklopädie, ‚Wikipedia‘, Stichwort ‚Flaschenhalsereignis‘)
Ebenfalls durch die genetische Forschung steht auch die Tatsache fest, dass alle heute lebenden Menschen in nur  drei  genetische Hauptgruppen eingeteilt werden können. Diese sind: die sogenannten Europiden (der europäisch/japhetitische Menschentyp), die Negriden (der afrikanische/hamitische Menschentyp) und die  Mongoliden (der asiatische/semitische  Menschentyp).
Die  Anthropologin Dr. Sigrid Hartwig-Scherer geht in  ihrer interessanten ethnologischen Studie:Wurde Europa doch früher besiedelt?Überraschungen aus Ost und West.‘ auf einige dieser Fakten  ein, die von den Wissenschaftlern bei der Erforschung des Ursprunges der Menschheit herausgefunden wurden.
Dr. Sigrid Hartwig-Scherer schreibt:
Neben der Fossilverteilung sind DNA-Befunde über stark verarmte Variabilität die Hauptargumente für diese Vorstellung:der anatomisch-moderne Mensch habe sich erst vor relativ kurzer Zeit (vor maximal 200.000 rJ) und nur an einem Ort entwickelt.Hier wird in den meisten Fällen Afrika angeführt, manchmal auch der Nahe Osten (siehe z.B.WADDLE 1994). Von dort aus habe er den Rest der Welt besiedelt.“

Sie schreibt weiter:
Danach sei der heutige Mensch mehrfach und im Wesentlichen unabhängig  voneinander  in Afrika, Asien, Europa….entstanden<. Dabei werden die DNA-Befunde, die von den meisten Genetikern eher mit einem rezenten Ursprung und einem Ausbreitungszentrum (Evolution nach einem „Flaschenhalsereignis“) erklärt werden, anders  interpretiert“. (S.H-S)
Das  würde  aber  bedeuten, dass die Menschengruppen, die sich in Asien, Afrika  und  Europa  eigenständig  entwickelten – auf  Grund des gleichen DNA-Materials – alle einen gemeinsamen Genpool hatten und demzufolge alle miteinander verwandt waren.
Und genau das wird durch die Forschungsergebnisse der Genetiker heute klar bestätigt:
„Die ersten Besiedler Eurasiens besaßen also genetische Verbindungen zu den afrikanischen und den asiatischen Menschenformen (BALTER & GIBBONS 2000). GABUNIA und Mitarbeiter nehmen an, dass sie den Kaukasus vom Levantinischen Korridor her erreichten, über den es einen regen Faunenaustausch zwischen Asien und Afrika gab (GABUNIA et al. 2000; Abb. 1)“. (S.H-S)

Auch diese Tatsachen deuten aus religiöser Sicht wieder auf Noah und seine drei Söhne SEM, HAM und JAPHET hin, die durchaus als Stammväter der heutigen Menschheit bezeichnet werden können.
Ahnenforscher und Genealogen nutzen heute verstärkt die Ergebnisse dieser Forschungen, um die verwandtschaftliche Beziehung ermittelter Vorfahren sicherstellen zu können. Durch diese genetischen Untersuchungen ist  man in der Lage ermitteln zu können, zu  welcher der drei großen Abstammungslinien man eigentlich gehört: zu den Nachkommen  des JAPHET, des SEM  oder des HAM.
So mussten z.B.einige Familien – die der Meinung waren, dass sie von den Wikingern abstammten weil ihre Vorfahren vorwiegend in Skandinavien lebten – erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass die Wurzeln ihrer Herkunft in Wirklichkeit im vorderasiatisch/semitischen Raum zu finden sind.



Geschlechtsregister

Schon vor mehr als 3000 Jahren begannen einige hochentwickelte Kulturen damit, Daten von Einzelpersonen, Familien und Sippen zu sammeln und in Registern zu verzeichnen, denn oft  hingen Gedeih und Verderb einzelner Familien und ganzer Familienverbände von dem Umstand des Nachweises ihrer Abstammung – durch ein Geschlechtsregister, eine Stammtafel oder einen Familienstammbaum – ab.   In diesen Registern wurden die Namen der Personen, die Zeit ihrer Geburt, der Name des Vaters(in einigen Fällen auch der Name der Mutter) und der Besitzstand verzeichnet.
Diese Daten waren nicht nur sehr wichtig als Nachweis der genealogischen Abstammung und des Geburtsstandes – denn sie zeigten ja die Zugehörigkeit einer Person zu einer bestimmten Familie an –  sondern sie gaben auch Auskunft über die soziale Stellung und die Vermögenslage der erfassten Person oder Familie. Das war oft wichtig für die Berechnung der Steuern und für den Nachweis des Erbrechtes.
Durch alte schriftliche Überlieferungen und archäologische Artefakte kann belegt werden, dass es schon vor einigen Jahrtausenden regelrechte offizielle Datenbanken gab, in denen diese wichtigen Informationen gespeichert wurden.
So findet sich z.B.in althebräischen Quellen folgende interessante Information:
„Folgende Städte mit den umliegenden Dörfern  gehörten zum Gebiet des  Stammes  Simeon: Beerscheba,  Molada  Hazar-Schual,  Bilha, Ezem, Eltolad, Bethuel, Horma, Ziklag, Bet-Markabot, Hazar-Susa, Bet-Biri und Schaarajim. In diesen Städten  wohnten  Simeons Nachkommen,  bis David König wurde. Ausserdem  gehörten  ihnen  noch   die 5  Städte Etam, Ajin, Rimmon, Tochen  und Aschan mit ihren umliegenden Dörfern. Das  Gebiet erstreckte  sich bis nach Baal. Jeder Ort hatte ein eigenes Familienregister.“ (Chronik der Könige Israels, I. Buch  4: 28-33)

Hier wird uns berichtet, dass also schon vor über 3000 Jahren in den Wohnstätten der israelitischen Stämme offizielle Ortsregister geführt wurden, in denen alle Einwohner erfasst und verzeichnet waren.Diese Einwohnerverzeichnisse wurden sehr exakt geführt und Kopien davon an die königliche Verwaltungsstelle in der Residenzstadt des jeweiligen Herrschers gegeben. Welchem Zweck dienten diese Listen in der Zentralverwaltung?

Das können wir folgendem Text entnehmen:
„Verzeichnis der Nachkommen Isaschars: Isaschar hatte 4 Söhne mit  Namen: Tola, Puwa, Jaschub und Schimron. Die Söhne Tolas hiessen: Usi,Refaja, Jeriel, Jachmai, Jibsam und Schemuel. Sie alle waren Sippenoberhäupter. Von  den Nachkommen Tolas  waren  zur Zeit Davids nach den Familienregistern 22600 Männer wehrfähig.  Usi hatte einen Sohn namens Jisrachja.Dieser und seine 4 Söhne Michael, Obadja, Joel und Jischija waren 5 Sippenoberhäupter. In den Familienregistern ihrer Nachkommen waren 36000 wehrfähige Männer eingetragen. Es war eine so hohe Zahl, weil die  Nachkommen Usis viele Frauen und Kinder hatten. Insgesamt hatten die Sippen  des  Stammes Isaschar 87000  wehrfähige  Männer. Sie alle sind in den Familienregistern aufgeführt.“ (Chronik der Könige Israels, I. Buch  7: 1-5)
Und so geht es dann Stamm für Stamm weiter. Die Kopien der örtlichen Familienregister  wurden  also  in  der Zentralverwaltung gebraucht, um immer die aktuelle Zahl der wehrfähigen Israeliten parat zu haben, wenn der Heerbann aufgeboten wurde.
Die Geschlechtsregister  waren also  eine sehr  wichtige  Angelegenheit für die alten Israeliten, denn durch sie wurde  nicht nur  ihre  Identität und  ihr familiäres  Umfeld festgestellt  und  bestätigt, sondern  auch  der Nachweis  ihrer Existenz  für  die Nachwelt gesichert. Deshalb hatte auch die Rettung und der Erhalt  und  Schutz  der genealogischen Aufzeichnungen in Kriegszeiten oberste Priorität  im Leben  der israelitischen  Familien.

Weil  die  Genealogie  so eine  wichtige Rolle im religiösen und kulturellen Leben  des  antiken  Israel  spielte, finden  sich  in der Thora und  den jüdischen Prophetenschriften – die auch im Alten Testament der Bibel zu finden sind – sehr viele entsprechende genealogische Angaben  über Personen und ihr ethnisches  Umfeld. Diese  Angaben  zu Vater und  Mutter, zu Verwandten und  Sippen, werden heute noch in jüdischen genealogischen Instituten als authentischer Nachweis der Abstammung anerkannt.

Anfänge der Heraldik?

In meinen vorangehenden  Ausführungen ging es besonders um die ‚Genealogie‘, also um die Frage nach der abstammungsmäßigen Herkunft der Menschen.  Wie sieht es aber mit der ‚Heraldik‘ aus? Seit wann gibt es denn Wappenzeichen? Wann und wie sind sie entstanden und welchem Zweck dienen sie?
Während die GENEALOGIE aus den Erfordernissen des  sozialen  und  wirtschaftlichen Lebens: der Kommunikation, dem Handel und der Produktion von Waren – also vorwiegend aus friedlichen Anlässen – entstand, ist ist es bei  der HERALDIK – dem  Wappenwesen – ganz anders.
Die Entstehungsursache des ‚Wappenwesens‘ ist schon aus seinem Namen abzuleiten. ‚Wappenwesen‘ bedeutet nichts anderes als ‚Waffenwesen‘, denn das altdeutsche Wort ‚wapen‘ dedeutet ‚Waffen‘. Deshalb spricht man ja auch bei voll gerüsteten Kriegern von ‚Gewappneten‘. Die Heraldik hat also ihre Ursache und ihren Ursprung in Gewalt und Krieg.
Das wird auch durch die Weltgeschichte belegt, denn schon in den ältesten Aufzeichnungen wird berichtet, dass es Menschen gab, die mit Gewalt und  Krieg Macht über andere Menschen ausübten. Einer dieser Männer wird in einer dieser uralten Quellen – der sogenannten ‚Völkertafel‘ aus dem Buch ‚Genesis‘ – mit Namen genannt: Nimrod
In dieser ‚Völkertafel‘  wird über Nimrod folgendes berichtet:

„Kusch hatte noch einen Sohn mit Namen Nimrod. Er war der erste Herrscher, der sich andere Völker mit Gewalt unterwarf………...  Den Ausgangspunkt  seines Reiches bildeten  die Städte Babylon, Erech (Uruk), Akkad und Kalne, die im Land Schinear liegen. Von da an  drang er nach Assyrien vor und  vergrößerte sein Reich. Dort  ließ er die große Stadt Niniveh bauen sowie Rehobot-Ir, Kelach und Resen, das zwischen Niniveh und Kelach liegt“(Gen.10:8 H f.a.)
Lange Zeit sah man in Nimrod keine reale Gestalt der Weltgeschichte, sondern eher eine mythische  Figur, eine Sagengestalt.  Aber durch archäologigische  Artefakte  und entzifferte Keilschrifttexte, die Forscher aus der Tiefe der Erde und dem Dunkel der Archive ans Licht gebracht haben, wird bestätigt, dass er tatsächlich eine historische Persönlichkeit war, genauso, wie es in der oben genannten alten  Quelle überliefert wurde:

„Es gibt Historiker (Museion 2000, Nr. 3/1994), die Nimrod nicht als legendäre Gestalt, sondern tatsächlich als den ersten Gewaltherrscher der für uns überschaubaren Geschichte ansehen, der etwa 3000 v. Chr. in Mesopotamien lebte. Er eroberte in nur 17 Jahren ein gewaltiges Reich vom Kaukasus bis nach Ägypten und von Kleinasien bis zum Indus – also etwa so groß wie dasjenige Alexanders des Großen“ (Journal ‚Das Friedensreich‘, Ausgabe Nr. 3/01).

Nimrod, der auch unter den Namen ‚Ninus‘ und ‚Ninurta‘ bekannt ist, gründete, baute und eroberte viele Städte in Mesopotamien und errichtete so das erste Königreich das überhaupt in der Geschichte bekannt ist. Mit Ihm begann das imperiale Streben nach Macht und damit auch die nicht mehr endende Kette der gewaltsamen, militärischen Unterwerfung und Ausbeutung der umliegenden, meist friedlichen Völker.
Nimrod war auch der erste, der nachweislich ein persönliches Wappenzeichen als sein Sinnbild führte. Mit ihm begann streng genommen das, was wir heute ‚Heraldik‘ nennen.
Da auf altbabylonischen  Siegeln und Dokumenten(z.B.:Doppeladler-Symbol des ‚Nimrod/ Ninurta auf dem Jagdhund-Thron‘;  Altbabyl. Siegel ca. 2.300 v. Chr.)  erstmalig in der Welt und fast ausschließlich im Zusammenhang mit Nimrod/Ninus/Ninurta der‚Doppelköpfige Adler‘ auftauchte (Siegelabdruck oben) liegt die Vermutung nahe, dass dieses Symbol in einer sehr engen Beziehung zu Nimrod steht, ja dass es sogar als das ganz persönliche Wappen – Zeichen des Nimrod betrachtet  werden könnte. Das Symbol des Adlers ist fast immer mit Nimrod verbunden, entweder als Beiwerk, wie auf dem oben genannten Rollsiegel, oder als persönliches Attribut in Form von Adlerschwingen, mit denen Nimrod meistens dargestellt wird.



Waffenzeichen

Um aber in diesen Kämpfen Freund und Feind unterscheiden  zu können, trugen die Krieger  bestimmte Kennzeichen. Dies waren entweder Symbole, die auf den Waffenröcken aufgenäht waren oder als Armbinden getragen oder an ihren Waffen, Rüstungen oder Helmen sichtbar befestigt wurden. Manchmal konnte man schon an den  Ausrüstungsgegenständen und  Waffen erkennen, zu welchem Heer sie gehörten.

Dabei spielte oft auch die Form des Helmes eine besondere Rolle, wobei die sog.‚Federhelme‘ der Philister und die ‚Hörnerhelme‘ einiger Stämme  der ‚Seevölker‘ besonders auffällig und prägnant waren. Auf zahlreichen archäologischen Funden sind auch Darstellungen von Kampfhandlungen zu sehen, die einen interessanten Einblick in die Art der Kampftechnik und der Ausrüstung der einzelnen Heere ermöglichen.
Zusätzlich zu diesen Kennzeichnungen der Soldaten, gab es aber bald auch schon Zeichen, durch die die einzelnen militärischen Abteilungen und Heeresverbände unterschieden werden konnten. Meist wurden diese Feldzeichen in Form von Fahnen oder Standarten den Truppenteilen vorangetragen und von den tapfersten Kriegern verteidigt und geschützt. Diese Feldzeichen hatten die Aufgabe, sowohl den kämpfenden Soldaten Orientierungshilfe zu geben, als auch den Offizieren und Feldherren einen Überblick über das Kampfgeschehen zu ermöglichen.

Diese Feldzeichen waren bald nicht mehr wegzudenken und wurden immer mehr spezialisiert. Sie spielten oft in den vielen Kriegszügen und Schlachten der antiken Völker eine entscheidende Rolle. Für die Kampfmoral und den Siegeswillen der Kämpfer war es sehr wichtig, ihre Fahne oder Standarte vor sich zu sehen. Deshalb wurden  sie auch hart umkämpft und erbittert – oft bis zum letzten Mann – verteidigt. War die Fahne oder das Feldzeichen gefallen, dann war meistens auch der Truppenteil vernichtet worden. Aus diesen Waffenzeichen  entstand später der Begriff ‚Wappenzeichen‘ oder kurz: ‚Wappen‘.
Und hier sind wir an dem Punkt angekommen, an dem sich Widerstand und Widerspruch erhebt. Einige Heraldiker wollen nicht anerkennen, dass für die frühen ‚Waffenzeichen‘ der antiken Völker, besonders im vorderasiatisch/mediterranen Raum, die Bezeichnung ‚Wappen‘ benutzt wird. Sie sind der Meinung, dass nur die ‚Waffenzeichen der mittelalterlichen Ritter Westeuropas‘ als Wappen bezeichnet werden dürfen und auch nur ab dieser Zeit überhaupt von ‚Wappenwesen‘ – ‚Heraldik‘ – geprochen werden könne.
Jedoch mit welcher Berechtigung werden solche Behauptungen aufgestellt? Ist es der Wunsch, stolz auf eine kulturelle Erscheinungsform des europäischen Mittelalters verweisen zu können, die angeblich exclusiv europäischen Ursprunges ist?  Spricht aus dieser  Haltung nicht vielmehr ein ghöriges Maß an Arroganz und Überheblichkeit, sich einerseits mit  ‚fremden Federn‘ zu schmücken und andererseits  alles zu ignorieren und abzulehnen,was diese Vorstellung und dieses Wunschdenken gefährden könnte?

Schon der Heraldiker und Wappenforscher Bernhard Körner weist  diese ignorante Haltung einiger seiner Fachkollegen zurück, denn er schreibt in seinem fundamentalen Werk ‚Wappen-Handbuch der Heroldskunst, Band 2‘ den nachdenkenswerten Satz:
„Es heißt, die Frage der Entstehung der Wappen sich recht bequem     machen, wenn man diese ältesten Wappen einfach ausschaltet, die Wappen von Rom und Sizilien nicht für ‚echte‘ Wappen erklärt, wohl aber diejenigen, welche modernste ‚Künstler-Laune‘ erfand.“



Was ist europäisches Wappenwesen?

Die Heraldik – das Herolds- und Wappenwesen – ist keine Blume, die auf einer einheimischen Wiese selbständig gewachsen ist, sondern die Samenkörner dafür wurden aus dem Ausland importiert. Es ist eine historische Tatsache, dass auf verschiedenen Wiesen – um im Bild zu bleiben – plötzlich und gleichzeitig fast die gleichen Blumen wuchsen.
England, Frankreich und Deutschland  sind die hauptsächlichen Träger dieser kulturellen Erscheinung des Wappenwesens. Die Ritter dieser Länder haben die Heraldik während der Kreuzzüge (11.-13.Jhd) im Orient kennengelernt und nach Europa mitgebracht und dort in ihr eigenes kulturelles Umfeld integriert und individuell weiterentwickelt. In diesen Ländern entwickelte sich das Wappenwesen und damit die Heraldik zu einer hohen Blüte. Doch auch das hat einige Jahrhunderte gedauert.
Die Wappen der Ritter vor 1000 Jahren sind ja nicht fertig vom Himmel gefallen.  Fast 200 Jahre lang – vom 11-13. Jahrhundert – definierte sich das Wappen fast ausschließlich durch das Schildsymbol, das die Identifizierung und die Zuordnung des Schildträgers zu einem bestimmten Lehnsherren oder einer bestimmten Familie ermöglichte.
Ein  mit  einem  personenbezogenen Symbol versehener Kampfschild war also einige Jahrhunderte lang ein vollwertiges Wappen, aus dem dann im Laufe weiterer Jahrhunderte das sogenannte Familienwappen entstand. Erst viel später, ca. seit  dem 13. Jahrhundert kam  der Helm und die weiteren Attribute  dazu, die  heute als Vollwappen bezeichnet werden.

So lesen wir in der ‚Wikipedia‘ unter dem Stichwort ‚Heraldik‘:

„Die Geschichte der Heraldik teilt sich in wesentliche Perioden ein:
Periode von etwa 11. bis 13. Jahrhundert
Schild mit dem Bild stellt das eigentliche Wappen dar
Periode von etwa 13. bis 15. Jahrhundert
Diese Zeit ist die Blütezeit der Heraldik. Es treten der Helm mit Schmuck zum Schild hinzu. (Flügel, Federn, Hörner, Hüte, Rümpfe)
Periode ab 16. Jahrhundert                                                                                    
Schild ist nicht mehr Waffe, sondern nur noch Ehrenzeichen. Unwesentliche       Zutaten kommen immer mehr hinzu.“
Da haben wir also eine klare Definition des Begriffes Wappen: Der Schild mit dem Schildsymbol  stellt  das  eigentliche Wappen dar. Alles andere sind Beifügungen, Attribute, die Jahrhunderte später hinzugekommen sind, die aber für die Definition des Wappenbegriffes nicht zwingend notwendig sind.
Oft wird von Heraldikern behauptet, ‚Wappen‘ sei nur die Bezeichnung für ein Vollwappen mit Schild, Helm und Zier.
Diese Behauptung muss aber als unrichtig zurückgewiesen werden, weil – wie wir bereits  gesehen haben – sie eindeutig der Geschichte der Wappenentwicklung widerspricht.
Das sog. Vollwappen gibt es wie gesagt erst seit etwa dem 13. bis 15. Jahrhundert. Erst in dieser Zeit wird der Helm als Zutat zum Wappenschild eingeführt. In der Zeit davor, also bis etwa 1300 galt der Schild mit dem Bild als das eigentliche Wappen.
Schon ein einfarbiger Wappenschild konnte ein vollständiges Wappen sein.
Wenn man es also genau nimmt, waren die mit  ‚personenbezogenen Symbolen‘  versehenen Kampfschilde  die  eigentliche Wurzel der europäischen Heraldik, denn  die Wappen  der  mittelalterlichen  Ritter  waren  fast  reine Personenwappen. Diese Wappensymbole auf den Kampfschilden dienten in erster Linie zur Identifizierung eines  bestimmten Kämpfers und nicht einer Familie. Die Übertragung der Bedeutung  des persönlichen Waffenzeichens des Kämpfers auf die Familie ist erst später aufgekommen.

„Personenwappen waren die ersten eigentlichen Wappen überhaupt und damit Ausgangspunkt für die gesamte Entwicklung der Heraldik.“(Gerhard Tietz, ‚HERALDIK INTERNATIONAL‘).

Und auch der  Historiker Karl Julius Weber schreibt dazu:
„Es kommt darauf an, was man unter einem Wappen verstehen will, so kann man sie schon bei Medern und Persern, bei Aegyptern, Griechen und Römern, bei den zwölf Stämmen der Kinder Israels, wie in den gemalten Schilden der Germanen des Tacitus finden(..)die eigentlichen Wappen aber – erbliche und Geschlechts-Symbole sind nicht älter als das 12. Jahrhundert, nicht älter als Tournier und Kreuzzug.“ (Karl Julius Weber: Das Ritterwesen und die Templer, Johanniter und Marianer: oder Deutschordensritter (..) Bd. 3. 1849).

In diesem Zitat werden einige interessanten Aussagen getroffen, die für unser Thema wichtig sind. Es wird einmal darauf hingewiesen, dass es  schon in alter Zeit, in der Antike, (Babylon, Ägypten, Persien, Griechenland, Rom usw)Wappenschilde gab, die der persönlichen Identifizierung des Schildträgers dienten und es wird des weiteren deutlich gemacht dass das europäische Wappenwesen erst seit der Zeit der Kreuzzüge existiert.

Wenn es also so ist, dass schon im frühen Mittelalter und also auch davor, ein Schild mit einem frei gewählten Symbol ein vollständiges Wappen war, das zur Identifizierung und Kennzeichnung des Trägers diente, dann kann man die Bezeichnung ‚Wappen‘ nicht allein auf das Mittelalter begrenzen. Dann ist diese Bezeichnung für jedes Zeitalter legitim, in dem persönliche Symbole als Waffenzeichen auf dem Schild getragen wurden.

Warum sollte ein bemalter Kampfschild aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert anders bezeichnet werden, als ein bemalter Kampfschild aus dem Jahre 1000, wenn doch die Funktion und der Sinn des Zeichens identisch ist?

Wenn also ein mit einem persönlichen Waffenzeichen vor 1000 Jahren gekennzeichneter Kampfschild heute als ein vollwertiges ‚WAPPEN‘ betrachtet wird, warum sträubt man sich dann dagegen, einen Kampfschild, der ebenfalls mit einem persönlichen Waffenzeichen gekennzeichnet ist, aber 1000 Jahre älter ist – z.B. bei den Griechen und Römern – ebenfalls als vollwertiges Wappen anzuerkennen?
Das widerspricht nicht nur der Logik sondern auch dem gesunden Menschenverstand.



Der orientalische Einfluss auf die europäische Heraldik

Warum scheuen sich viele Heraldiker der heutigen Zeit so vehement davor, die Tatsache, dass auch unsere deutsche Heraldik nicht in einem luftleeren Raum entstanden ist, sondern seine Wurzeln bereits in der Antike und besonders im Orient zu finden sind, einfach zur Kenntnis zu nehmen?
Denn  eines  steht  historisch  außer Zweifel: Ohne  den orientalischen Einfluss durch die Kreuzzüge würde unser Vollwappen – auf das wir in der europäischen  Heraldik so stolz sind – ganz  anders aussehen, denn zumindest die  Helmdecke  ist  ein  Vollimport  aus  dem Orient. Enstanden aus der Notwendigkeit,   im  heißen Orient in  den eisernen Rüstungen keinen Hitzschlag zu bekommen – was  ja  auch  oft genug vorgekommen ist – übernahmen  die Kreuzritter die Praxis der Orientalen, nasse Tücher um ihre Köpfe zu  binden, die  – solange  sie feucht waren – eine Überhitzung verhinderten und selbst nachdem sie  in  der  Sonne getrocknet  waren, durch ihr Flattern im Wind immer noch willkommene Kühlung brachten.

Alles was die mittelalterliche Heraldik bis zum 15.Jahrhundert in Europa hervorgebracht hat, hat es in anderer Form bereits in alter Zeit im Vorderen Orient und im Mittelmeerraum gegeben.

Selbst  das Turnierwesen  ist keine eigenständige  Entwicklung  des ‚Europäischen Rittertums‘,  sondern  auch  ein Import aus dem Altertum. Denn der Brauch, Kämpfer  des  Gegners vor dem  Heer zum Zweikampf herauszufordern,  ist  schon  im  alten Babylon und in der Antike üblich gewesen und  während  der  Kreuzzüge  war  es besonders Richard Löwenherz, der regelmäßig  vor den Mauern  von  Accon  solche Zweikämpfe veranstaltete, die  er  auf  Grund  seiner Stärke, Geschicklichkeit und Kampftechnik immer zu seinen Gunsten entscheiden konnte.

Nach Hause zurückgekehrt behielt  man  diese  Zweikämpfe  – sozusagen als ’sportliche Übungen‚ – bei, bei denen die Ritter ihren Mut und ihre Geschicklichkeit  im Umgang  mit den Waffen zeigen konnten. Im  Laufe der Zeit  bildeten  sich  feste Regeln heraus, die verhindern  sollten, dass die Kämpfer verletzt oder getötet wurden. Für die Einhaltung dieser Regeln waren die Herolde und Turniervögte verantwortlich. Aber trotzdem kam es auf den Turnieren immer wieder zu Todesfällen, sowohl durch Überhitzung der Rüstung, wie auch durch Waffeneinwirkung. Die Ritter spielten also in Friedenszeiten durch die Turniere ‚Kreuzzug‘.



Der archäologische Befund

Einige Heraldiker, die das Vorhandensein von Wappen auf den Kampfschilden griech. Krieger nicht mehr leugnen können, weisen darauf hin, dass  es sich dabei aber nur um sporadische oder zufällige Erscheinungen handele, man aber von einer ‚Wappenkultur‘ oder einem ‚Wappenwesen‘ in dieser Zeit nicht reden könne, so dass ein Vergleich dieser  antiken Wappen mit den mittelalterlichen Wappen nicht angemessen sei.
Doch auch diese Behauptungen sind bereits als falsch widerlegt worden.
Gerade die Archäologie fördert immer neue Belege zutage, die uns von der weit entwickelten Kriegs- und Kampftechnik der antiken Völkerschaften – einschließlich des alten Volkes Israel – berichten und die ein Vorhandensein von Wappen – sowohl im militärischen, als auch im privat/ familiären Gebrauch sowie auch im gesellschaftlichen Bereich  – schon 1500 Jahre vor dem Mittelalter klar bezeugen.
Die archäologischen Artefakte belegen auch eindeutig, dass es z.B. schon im antiken Babylon, nicht nur ein hochentwickeltes Flaggen- und Wappenwesen,  sondern sogar auch ein gut durchorganisiertes Heroldswesen – inclusive Wappenkönig – gegeben hat.
Und das erstaunliche ist, dass es sich bei diesen Wappenzeichen nicht mehr nur um die Kennzeichnung verschiedener Truppenteile handelt, sondern um 500 v. Chr. hatten sich die Waffenzeichen z.B.der Griechen schon soweit entwickelt, dass es sich bereits um vollgültige Geschlechterwappen und Personenwappen handelte, die der individuellen Persönlichkeit des Trägers/ Kämpfers entsprachen. Es gab schon damals eine ganze Anzahl feststehender gemeiner Figuren z.B. Tiere, Pflanzen, Werkzeuge, Körperteile u. v.a.m.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass namhafte Gelehrte und Heraldiker diese antiken Wappen als vollgültige Wappen anerkennen und von einem organisierten Wappenwesen berichten, das dem mittelalterlichen Wappenwesen  in keiner Hinsicht nachstand. So lesen wir z. B. bei Christian Samuel Theodor Bernd (1775–1854), einem deutschen Sprachwissenschaftler und Heraldiker (seit 1822 außerordentlicher Professor für Diplomatik, Sphragistik(Siegelkunde) und Heraldik), der durch seine wegweisenden Werke über Wappenkunde, die Wappenwissenschaft und die Entstehung des Wappenwesens sehr bekannt ist über das hochentwickelte Flaggen- und Wappenwesen im antiken Israel  zu diesem Thema in einem seiner Bücher:

„Dagegen lässt sich aus 4.B. Mose 2,2. 3 10.17.18.25.34, wo von der Anordnung die Rede ist, wie die Stämme Israels um die Stiftshütte  nach  den  vier Weltgegenden hin, ‚jeglicher unter seinem Panier und Zeichen nach ihres Vaters Hause‘, sich lagern sollten, schließen, dass die Stämme Juda, Ruben, Ephraim, Dan – denen die übrigen Stämme zugetheilt sind – außer den Leviten, mit der Stiftshütte in der Mitte und ihrem eigenen Panier – solche Zeichen  und Bilder in Fahnen und auf Stangen, die sie kennzeichneten und voneinander unterscheiden ließen, und die man Wappen im weiteren Sinne nennen kann, gehabt haben müssen,  über die sich aber, da es an jeder nähern Nachricht darüber fehlt, nichts weiter sagen lässt.“ (‚Die Hauptstücke der Wappenwissenschaft: Das Wappenwesen der Griechen und Römer und anderer alter Völker‘ (S.238) Christian Samuel Theodor Berndt, 1841)

Auch der oben schon zitierte Dr. jur. Bernhard Koerner (1875-1952)
deutscher Jurist, und Genealoge, von 1903-1918 für das königlich preußische Heroldsamt tätig, schreibt ganz klar über das Vorhandensein antiker Wappen:

„Spätestens  im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ist die Wappenführung nicht  nur bei den griechischen Städten, sondern auch bei den vornehmen  griechischen geschlechtern allgemein verbreitet…….. Von  Griechenland  kam  der   Wappen- und Siegelgebrauch nach den griechischen  Siedlungen  in Groß-Griechenland,  Sizilien und  Unter-Italien, endlich nach Rom. Zwei Wappen aus jener Zeit haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten: das  Wappen  von Sizilien, drei zusammengeschobene Menschenbeine(Triskele,Triquetra),der Drei-Schenkel, und das Wappen des ewigen Rom, die Wölfin.“( Dr. Bernhard Körner „Wappen – Handbuch der Heroldskunst“ Bd 2 (1923)

Körner zeigt auch auf, dass sich durch die Griechen das Wappenwesen dann auch in Italien ausbreitete und von den Römern übernommen wurde.

Es ist anhand zahlreicher Funde heute gesichert nachgewiesen, dass schon im Imperium Romanum Patrizierfamilien bestimmte familienbezogene Wappen führten.

Ein weiterer namhafter Wissenschaftler,Forscher und Gelehrter,der das Vorhandensein  einer  hochstehenden  Wappenkultur  im  antiken Griechenland – also  lange bevor  man  in Europa  überhaupt wusste was ein Wappen ist – aus eigener Erfahrung belegen kann, ist Ernst Curtius(1814-1896), ein deutscher  klassischer  Archäologe  und Althistoriker. Seit 1852 ordentliches Mitglied  der  königlichen  Akademie  der  Wissenschaften in Berlin. Er war Initiator  und  Leiter der ersten archäologischen Ausgrabungen in ‚Olympia‘.
Weltweit bekanntwurde  er durch die  zahlreichen Publikationen seiner Forschungsergebnisse über seine erfolgreichen Grabungen in Griechenland, besonders in ‚Olympia‘.
Aus diesen Publikationen möchte ich besonders auf diese hinweisen:
„Wappengebrauch und Wappenstil im griechischen Alterthum“ (Buchdruckerei der Akademie der Wissenschaften(G.Vogt), Berlin 1874)

In dieser sehr lesenswerten und zum Thema sehr empfehlenswerten Abhandlung, zeigt Ernst Curtius sehr überzeugend und mit zahllosen Beispielen belegt auf, dass schon die alten Griechen und Römer Wappen – im Vollsinn des Wortes – getragen haben.

Er schreibt z.B, auf S.95:
„Die Bedeutung der Familienwappen ist verschieden nach der Verfassung der Staaten. Wo ein engerer Kreis amtsfähiger Familien bestand, hat sich auch die Tradition der Wappen und die Bedeutung derselben, erhalten. So in Knidos, einer  durch starkes  Familienregiment ausgezeichneten Stadt, und in Thasos, dessen kräftige Aristokratie wir aus der Geschichte kennen. An beiden Orten finden wir auf den gestempelten Tonkrügen das Privatwappen des Beamten neben dem Namen zur Legalisierung der Gefäße angewendet, während in Rhodos die Eichungsbeamten sich des öffentlichen(Stadt)Wappens bedienten. ..Indessen ist das Vorkommen bürgerlicher Namen und Wappen auf Eichungsstempeln und Siegeln nicht unbedingt das Zeichen aristokratischer Staatsordnung oder einer sich vordrängenden Nobilität, wie in Rom, sondern es ist auch das Zeichen einer gesteigerten Controlle der demokratischen Republiken, indem das Staatliche Wappen allein nicht als genügend befunden wird: man verlangt auch die Bezeichnung der  Person, unter deren amtlicher Autorität und Verantwortlichkeit das Staatssiegel auf die Münze gesetzt ist.“

Hier wird also das gleichzeitige Vorhandensein von aristokratischen Wappen (Adelswappen) und bürgerlicher Familienwappen, neben den Amtswappen der Kommunen deutlich bezeugt.

Es heißt weiter:
„Wir  erkennen  die  Stetigkeit  der  Wappenzeichen, durch welche verschiedene Familien, welche nicht durch gleiche oder gleichartige Namen unter sich verbunden sind,ein Ganzes bilden;man erkennt auch in der Zusammenstellung  von  je  zwei Wappenzeichen den Eintritt neuer Familienverbindungen.Zugleich dient das veränderte Familienwappen dazu,die einzelnen Zweige des Geschlechts voneinander zu unterscheiden,wie auch die ineinander gehenden Volksstämme ihre Zusammengemengehörigkeit  wie auch ihre Verschiedenheit  im  Wappen anzugeben wußten.“(S.96)

Hier wird eine eindeutige Verbindung der Genealogie mit der Heraldik bezeugt und ganz klar die Entstehung von Allianzwappen beschrieben. Das entspricht aber exakt der Vorstellung, die wir von der mittelalterlichen Heraldik haben.

Weiter heißt es auf der gleichen Seite:
„Was den bildlichen Charakter der Bürgerwappen betrifft, so finden wir eine Auswahl von Zeichen, welche eben so sehr den plastischen Formstil der Hellenen bezeugt wie auch jenen Euphemismus, der uns in ihren Personennamen entgegegntritt. Wir finden keine monströsen Gestalten, wie im Morgenlande, sondern einfache, klare, ansprechende Zeichen, die dem Haus, dem Natur- und Menschenleben entnommen sind (Ähre, Traube, Bogen, Füllhorn, Götterkopf, Dreizack, Keule, Fa-ckel u.s.w.). Zuweilen schliessen sich die Privatwappen an das öffentliche Wappen an, wie z.B. in Thasos der bogenschießende Herakles auch als Hauswappen vorkommt. In den einzelnen Städten kehren dieselben Wappen ständig wieder, wie es mit den Personennamen auch der Fall ist, und wie bei diesen können wir auch bei den Wappen erbliche und rein persönliche unterscheiden.“ (S.96)

Ist das nicht erstaunlich? Hier wird uns berichtet, dass schon die alten Griechen einen festen Stamm von gemeinen Figuren hatten, die immer wieder verwendet und variiert wurden, wobei die Einfachheit der Figuren betont wird (‚Weniger ist mehr‘). Auch die Kombination von Familienwappen
mit Elementen aus dem Kommunalwappen, war also damals auch schon üblich.

Sogar ‚redende Wappen‘ gab es damals schon:

„Wappenbilder,  welche auf den Namen anspielen, wie ‚Löwe‘ auf dem Grabstein des ‚Leon‘, sowie ‚Eidechse‘ und ‚Frosch‘ auf den Arbeiten des ‚Sauros‘ und ‚Batrachos‘ (Plinius 36,42) kommen selten vor; häufiger sind die Anspielungen  auf  Familienculte und es sind z.T. dieselben Culte, wie  sie  auch in  den Familienwappen bezeugt werden, z.B. ‚Palme‘  und ‚Schwan‘ in  einem Hause, wo  die Namenmetaphern der appollinischen Religion angehören.“ (S. 97)

Auch das‚Wappen als Kunstwerk‘gab es bereits in der antiken Heraldik:

Wappen wie Namen werden bei Standeserhöhungen verliehen. Ausserdem macht sich wie bei den städtischen, so  bei den persönlichen Wappen der künstlerische Trieb geltend, Äenderungen anzubringen, und so ein bleibendes Thema in anmuhiger Weise umgestalten. Solche Varianten sind:Traube allein, Traube mit Blatt, zwei Trauben; Hermeskopf allein, Hermeskopf mit Caduceus u.a.“ (S.97)

Wenn ein Wappen bei einem Neuaufriss verändert wurde, so hatte der Zeichner also auch damals schon durchaus seine künstlerische Freiheit bei  bei der Gestaltungt, z.B.den Hermeskopf mit einem Caduceus (dem Hermesstab) zu kombinieren, unter der Voraussetzung, dass das Thema beibehalten wurde. Der Caduceus ist bis heute eine heraldische Figur, die sich bei der Wappengestaltung großer Beliebtheit erfreut.

Hier wird uns auch deutlich berichtet, dass Wappen und Namen in der Antike von Herrschern verliehen wurden, genauso, wie wir es auch aus der Heraldik des europäischen Mittelaters her kennen. Und diese Wappen und Namen, sowie die Gründe und Umstände der Verleihung, wurden in ein Register eingetragen und so die Rechtmässigkeit der Führung dieses verliehenen Wappens dokumentiert.

Ich fühle mich so frei, dieses Register als ‚Hellenische Wappenrolle‘ zu bezeichnen. Das setzt natürlich auch das Vorhandensein eines ‚Heroldsamtes‘ voraus, wobei der Aufgabenbereich des hellenischen ‚Wappenbeamten‘ in einem Stadtstaat oder am Hofe eines Herrschers, nicht unbedingt mit der ganzen Aufgabenbreite eines ‚Herolds‘ im Mittelalter gleichzusetzen ist.
Da durch archäologische Grabungen auch einige antike Heroldsstäbe zu Tage gefördert wurden, die mit Namen und Inschriften versehen waren, haben wir deutliche Belege für das Vorhandensein eines bereits im Altertum ausgeprägten Heroldswesens. Eines dieser sehr seltenen Artefakte ist im Museum für Kunst und Gewerbe‘  in Hamburg zu sehen. Dort wird ein Heroldsstab gezeigt, der ca 3000 Jahre alt ist und von der Stadt Syracus, an ihren beauftragten Herold ausgegeben wurde. Dieser Heroldsstab gab seinem Träger politische Immunität wenn er als Gesandter in diplomatischer Mission unterwegs war, um z.B.Verträge mit ausländischen Machthabern auszuhandeln.

Fällt uns auf, dass wir hier heraldische Gepflogenheiten, Vorschriften und Regeln finden, die fast völlig identisch sind mit denen, die wir in der abendländisch/mittelalterlichen Heraldik finden und bis heute beachten?
Das zeigt uns doch eigentlich sehr genau, wo die Quellen und die Ursprünge der mittelalterlichen Heraldik liegen. Die Ritter des Mittelalters haben die Heraldik und das Führen von Wappen nicht erfunden, sondern sie durch die Begegnung mit anderen, meist vorderasiatischen Kulturen während der Kreuzzüge kennengelernt, übernommen und entsprechend ihrer eigenen Kultur und Lebensweise weiterentwickelt.

Es gab also schon eine antike mediterrane Heraldik mit festgefügten Regeln, Gesetzmäßigkeiten und Gepflogenheiten, die rund 1500 Jahre älter ist als die mittelalterliche Heraldik, von der wir bisher glaubten, dass sie der Massstab ist, an dem alle Heraldik gemessen werden müsste, und nun müssen wir ernüchternd feststellen, dass unsere abendländische Heraldik nur ein Ableger der römischgriechisch-phönizisch-vorderasiatischen Heraldik ist, deren frühesten Wurzeln tatsächlich in Mesopotamien zu finden sind.

Was Bernhard Körner und Ernst Curtius aber damals noch nicht wussten oder zumindest damals nicht belegen konnten, war die Tatsache, dass auch die Griechen nicht die Erfinder des Wappenwesens waren, sondern dass diese – wie wir heute wissen – die Sitte des Wappentragens von den Phöniziern übernommen haben, die durch ihren ausgedehnten Mittelmeerhandel sehr intensiven Kontakt zu den Völkern hatten, die rund um das Mittelmeer lebten.

Es gilt heute als bewiesen, dass die ehemaligen Siedlungsgebiete der Phönizier in Nordafrika, besonders in Karthago, die Sammelbecken waren, in denen verschiedene Kulturen in Kontakt miteinander kamen und zum Teil miteinander verschmolzen. Durch die Phönizier und die Griechen – besonders während der Wanderungen der Dorer und Ionier – wurde auch die Sitte der persönlichen Wappenzeichen im Mittelmeerraum verbreitet.

Aber auch die Phönizier, die in den Gebieten rund um die grossen Handeslszentren Tyrus und Sidon – in denen auch die phönizischen Könige residierten – in Vorderasien lebten, haben die Sitte des Wappentragens von anderen, noch älteren Kulturen aus dem mesopotamischen Raum übernommen.
Da Siegelabdrücke, als Dokumentation von persönlichen Zeichen, als Wappendarstellungen in der Heraldik anerkannt sind, ist der Ursprung der Heraldik – wie auch der Schrift – auf die aramäisch /sumerische Hochkultur zurückzuführen, die von den Wissenschaftlern unserer Zeit übereinstimmend als die Wiege der menschlichen Zivilisation und Kultur lokalisiert wird. Dort stand also auch die Wiege der Heraldik.

Diese wenigen Zitate sollen genügen, um zu zeigen, dass die These – die auch ich als Historiker vertreten – dass die Anfänge der Heraldik, der Wappenkunde und auch der Wappenkunst, schon in den alten antiken Kulturen Vorderasiens zu suchen und zu finden sind, durchaus nicht ins Reich der ‚Spekulation‘ oder der ‚Theorienbildung ‚ gehört – wie es einige Gegner der aussereuropäischen Heraldik gern darstellen möchten – denn für diese Überlegungen und Aussagen können wir nicht nur logische oder theoretische Gründe anführen, sondern auch auf solide, durch tausende von Artefakten und Belegen abgesicherte Forschungsergebnisse verweisen, die durch jahrzehntelange Erforschung von Sprachen und Quellen durch hochqualifizierte deutsche Gelehrte, zu unwiderlegbaren Beweisen geworden sind.



Fazit

Stellen wir doch einmal folgende Fragen im Blick auf die oben angeführten hervorragenden deutsche Gelehrten:

  • Hatten  diese Männer Ahnung von Heraldik?
  • Waren diese Gelehrten ernstzunehmende Wissenschaftler?
  • Wussten diese Männer was ein Wappen ist und was man als Wappen bezeichnen kann?
  • Waren sie in der Lage die Bedeutung und den Gebrauch bestimmter Zeichen, Worte und Ausdrücke in alten Sprachen zu erkennen und zu deuten?
  • Sind  diese Heraldiker der Meinung, dass in griechischer und römischer Zeit die Waffenzeichen auf den Kampfschilden der Krieger  als vollgültiges Wappen anzusehen sind?

Ich persönlich beantworte all diese Fragen mit einem eindeutigen ‚JA‘ und fordere alle diejenigen auf, die anderer Meinung sind, die Forschungsergebnisse dieser Männer auf sachlich wissenschaftlicher Ebene – nicht auf persönlich/emotionaler Ebene – zu widerlegen.

von Hans-Joachim Reimann, Theologe